Vier Stunden Akkulaufzeit.

So ungefähr landete ich mit Ubuntu 26.04 auf meinem ThinkPad T14 Gen 2 AMD. Eigentlich gar nicht so dramatisch, denn der Akku hat mit rund 89 Prozent Akkugesundheit bereits einiges hinter sich.

Trotzdem saß irgendwann dieses kleine Linux-Männchen in meinem Kopf und flüsterte:

„Mit einer anderen Distribution geht da bestimmt mehr.“

Und statt diese Stimme einfach zu ignorieren wie ein vernünftiger Mensch, habe ich natürlich mehrere Linux-Systeme installiert und meinen Laptop wiederholt von 100 auf 7 Prozent Akku gequält.

Man kennt es.


Aus „mal kurz testen“ wurde ein Benchmark

Einfach Debian installieren, zwei Stunden YouTube schauen und anschließend behaupten, es sei effizienter als Ubuntu, wäre natürlich kompletter Käse.

Also musste ein halbwegs reproduzierbarer Test her.

Alle Systeme liefen möglichst vanilla, also ohne TLP, Spezialkernel, eigene Energiespartricks oder sonstige Optimierungen. Dazu galten bei allen relevanten Durchläufen dieselben Bedingungen:

  • 78 Prozent Displayhelligkeit
  • Energiesparmodus / Power-Saver
  • interner Bildschirm aktiv
  • derselbe automatisierte Workload
  • Start bei 100 Prozent Akku
  • Ende bei 7 Prozent Akku
  • Messung alle 30 Sekunden

Der Benchmark verhindert außerdem Suspend und ähnliche automatische Ruheaktionen.

Schließlich wäre es etwas unfair, wenn Fedora nach zwei Stunden schlafen geht und anschließend mit acht Stunden „Akkulaufzeit“ gewinnt.


Was macht der Test eigentlich?

Der Workload besteht aus einem festen 20-Minuten-Zyklus, der sich wiederholt, bis der Akku 7 Prozent erreicht.

8 Minuten Browsing

Firefox zeigt eine lokale Testseite, durch die automatisch gescrollt wird. Dazu kommen regelmäßig kleinere Netzwerkzugriffe.

Die Idee dahinter ist keine Browser-Vollgasorgie, sondern eher normale leichte Webnutzung.

4 Minuten Video

Danach folgt eine lokal erzeugte 1920 × 1080-Canvas-Sequenz mit ungefähr 30 FPS.

Bewusst kein YouTube, damit Codec, Werbung, Streamingqualität oder spontane Internet-Launen nicht plötzlich Bestandteil meines wissenschaftlich äußerst hochprofessionellen Küchentischlabors werden.

3 Minuten Code- und Terminalarbeit

Anschließend werden unter anderem Dateien verarbeitet, Pfade durchsucht und SHA256-Hashes berechnet. Dazu kommt regelmäßig etwas CPU-Last.

Also keine minutenlange Vollauslastung, sondern eher eine simulierte kleine Arbeitsphase.

5 Minuten Ruhe

Zum Schluss wird es für fünf Minuten deutlich ruhiger.

Danach beginnt alles wieder von vorne:

Browser → Video → Code → Ruhe → Browser → Video → …

Parallel protokolliert der Benchmark unter anderem Akkustand, verbleibende Energie, Leistungsaufnahme, CPU-Last, Temperatur, Helligkeit und Energieprofil.

Dadurch kann ich nicht nur vergleichen, wie lange der Laptop läuft, sondern auch, wie viel Leistung er durchschnittlich benötigt.

Und genau das ist bei einem gebrauchten Akku ziemlich wichtig.


Die Ergebnisse

System / Desktop Laufzeit
100 → 7 %
Ø Leistungsaufnahme
Debian 13 / GNOME 4:22:50 h 9,43 W
Fedora 44 / GNOME 4:23:36 h 9,57 W
Ubuntu 26.04 / GNOME 4:20:08 h 9,67 W
Fedora 44 / COSMIC 4:17:02 h 9,87 W
Fedora 44 / KDE Plasma 4:11:20 h 10,01 W
Pop!_OS / COSMIC 4:10:02 h 10,18 W
Linux Mint 22.3 / Cinnamon 3:20:52 h 12,42 W
Pop!_OS / COSMIC + Milchglas 2:36:10 h 16,14 W

Falls jetzt jemand auf Debian zeigt und ruft:

„Aber Fedora lief doch länger!“

Ja.

Ganze 46 Sekunden.

Debian steht trotzdem oben, weil ich nach der durchschnittlichen Leistungsaufnahme sortiert habe. Beim Debian-Test meldete der Akku außerdem nur 44,88 Wh maximale aktuelle Kapazität, bei Fedora waren es 45,45 Wh.

Debian kam also mit etwas weniger verfügbarer Energie praktisch genauso weit.

Trotzdem würde ich wegen 0,14 Watt Unterschied noch keinen Debian-Siegerpokal aus Messing bestellen. Für solche Feinheiten bräuchte es mehrere vollständige Durchläufe.


Ubuntu war gar nicht das Problem

Die eigentlich interessanteste Erkenntnis ist fast langweilig:

Ubuntu schlägt sich völlig ordentlich.

Debian GNOME benötigt 9,43 W, Fedora GNOME 9,57 W und Ubuntu GNOME 9,67 W.

Zwischen allen drei liegen gerade einmal 0,24 Watt.

Auch Fedora mit COSMIC und KDE bewegt sich nur etwas darüber.

Mein ursprünglicher Gedanke, dass eine andere Distribution vielleicht plötzlich eine Stunde mehr Laufzeit aus dem ThinkPad zaubert, hat sich damit ziemlich erledigt.

Für normale aktuelle Linux-Systeme gilt auf diesem Laptop offenbar:

Nimm einfach das, womit du gerne arbeitest.


Und dann kam Mint

Linux Mint mit Cinnamon benötigte 12,42 Watt und schaffte nur etwa 3 Stunden 21 Minuten.

Das sind rund drei Watt mehr als die GNOME-Systeme.

Jetzt wäre die Aussage „Mint verbraucht grundsätzlich 30 Prozent mehr Strom“ natürlich Quatsch. Mint lief hier mit Cinnamon und X11, während die anderen Kandidaten überwiegend Wayland nutzen. Auch Grafikstack, Dienste und Software unterscheiden sich.

Belastbar sagen kann ich aber:

Linux Mint 22.3 mit seiner Standard-Cinnamon-Umgebung war auf diesem ThinkPad unter meinen Testbedingungen deutlich ineffizienter.

So viel zum alten Reflex:

„Älterer Laptop? Installier Mint, das ist leicht.“

Mein Akku möchte dieser Aussage ein Netzteil beilegen.


Milchglas: hübsch, aber offenbar hungrig

Dann habe ich bei Pop!_OS/COSMIC noch den Milchglas- beziehungsweise Blur-Effekt aktiviert.

Normal:

10,18 Watt.

Mit Milchglas:

16,14 Watt.

Das sind knapp 60 Prozent mehr Leistungsaufnahme.

Die Laufzeit fiel von gut vier Stunden auf nur noch 2 Stunden 36 Minuten.

Weil mir das selbst absurd vorkam, habe ich den Milchglas-Test wiederholt. Der zweite Lauf wurde zwar nicht vollständig bis 7 Prozent beendet, zeigte aber erneut denselben massiven Mehrverbrauch.

Zumindest auf diesem ThinkPad und mit dieser COSMIC-Konfiguration war der Effekt damit ziemlich eindeutig reproduzierbar.

Hübsch war es trotzdem.

Man muss eben Prioritäten setzen.


Fazit

Mein Fazit aus dem ganzen Akkugedöns ist erstaunlich unspektakulär:

Ubuntu harmoniert mit dem ThinkPad T14 Gen 2 AMD völlig ordentlich.

Debian, Fedora und Ubuntu sowie GNOME, KDE und COSMIC lagen näher zusammen, als ich erwartet hatte.

Die Wahl der Distribution macht auf meinem Gerät offenbar erheblich weniger aus, als Linux-Diskussionen manchmal vermuten lassen.

Große Unterschiede entstanden erst bei speziellen Kombinationen – in meinem Fall Linux Mint mit Cinnamon und besonders COSMIC mit aktiviertem Milchglas.

Was lernen wir daraus?

Nimm das Linux, das dir gefällt.

Und falls du Mint oder besonders viel hübsches Milchglas möchtest:

Nimm vielleicht noch das Netzteil mit. 😂🔌🐧