Eigentlich wollte ich nur über meinen XFCE-Desktop reden.
Das ist kein Witz.
Ich hatte die letzten Tage mal wieder etwas zu viel Spaß daran, einen eigentlich ziemlich bodenständigen XFCE-Desktop so lange mit Transparenz, Retro-Science-Fiction, GRUB-Themes und sonstigem Unsinn zu traktieren, bis daraus mehr Raumschiff als Desktop geworden ist.
Irgendwann landete das Gespräch bei Steve Jobs und seiner Vorliebe dafür, Dinge wegzulassen.
Eine Maustaste?
Zu viel.
Meine spontane Reaktion darauf war natürlich:
Warum überhaupt noch eine Maus?
Und weil mein Gehirn bei interessanten Themen gelegentlich über die Bremsanlage eines Einkaufswagens verfügt, waren wir wenige Minuten später nicht mehr bei XFCE, sondern bei Brain-Computer-Interfaces.
Joa.
Ganz normaler Themenwechsel bei mir.
Was wäre, wenn wir gar keinen Desktop mehr brauchen?
Wenn heute von Gedankensteuerung die Rede ist, landet man ziemlich schnell beim Mauszeiger.
Ich denke an eine Bewegung, ein Brain-Computer-Interface erkennt entsprechende neuronale Aktivität und ein Cursor oder ein anderes Gerät reagiert darauf.
Gerade für Menschen mit schweren Lähmungen kann bereits das enorm wertvoll sein. Moderne Brain-Computer-Interfaces – kurz BCI – können neuronale Signale erfassen und in Befehle für externe Geräte oder Kommunikationssysteme übersetzen.
Solche implantierten Systeme sind allerdings weiterhin experimentelle Neurotechnologie und keine Hardware, die wir nächste Woche im Elektromarkt neben die Gaming-Mäuse legen.
Aber irgendwie übertragen wir dabei nur unseren heutigen Computer auf eine andere Eingabemethode.
Wir ersetzen die Maus durch das Gehirn.
Der Cursor bleibt trotzdem ein Cursor.
Und genau da kam mir ein anderer Gedanke:
Was wäre, wenn wir den ganzen Kram irgendwann einfach überspringen?
Keine Maus.
Keine Tastatur.
Kein Bildschirm.
Keine Fenster.
Vielleicht irgendwann nicht einmal mehr Anwendungen so, wie wir sie heute kennen.
Der Computer wäre dann kein Gerät mehr, das ich bewusst über eine Oberfläche bediene, sondern eine Schnittstelle zwischen meinem Nervensystem und digitalen Informationen.
Eine Nachricht, die ich niemals lesen muss
Stellen wir uns beispielsweise einen Menschen vor, der taubblind ist oder aufgrund einer Erkrankung oder Verletzung weder sprechen noch seine Hände zur Bedienung eines Computers benutzen kann.
Heute versuchen wir sinnvollerweise, vorhandene Computersysteme zugänglich zu machen:
- Screenreader,
- Braillezeilen,
- Augensteuerung,
- alternative Eingabegeräte,
- Sprachsynthese,
- und vieles mehr.
Aber ein sehr weit entwickeltes neuronales System könnte die Frage irgendwann völlig anders stellen:
Warum muss die Information überhaupt erst über Augen, Ohren oder Hände laufen?
Eine Nachricht kommt an.
Ich sehe sie nicht.
Ich höre sie nicht.
Trotzdem kenne ich ihren Inhalt.
Beim Antworten würde es in die andere Richtung funktionieren: Eine sprachliche Absicht wird aus neuronalen Signalen erkannt, ein Decoder beziehungsweise eine KI macht daraus Text oder Sprache und mein Gegenüber bekommt eine vollkommen normale Nachricht.
Gedanke → Computer → Sprache.
Spätestens hier klingt das Ganze schon verdächtig nach Cyberpunk.
Interessanterweise ist zumindest ein kleiner Teil davon inzwischen nicht mehr ausschließlich Science-Fiction.
Das Gehirn in Sprache übersetzen können wir bereits erstaunlich gut
2024 berichtete eine Forschungsgruppe im New England Journal of Medicine über einen 45-jährigen Mann mit ALS und schwerer Dysarthrie.
Vier implantierte Mikroelektroden-Arrays mit insgesamt 256 Elektroden zeichneten Aktivität in Bereichen seines linken präzentralen Gyrus auf, während er zu sprechen versuchte. Ein maschineller Decoder wandelte diese Signale in Wörter um.
Nach weiterem Training erreichte das System bei einem Wortschatz von 125.000 Wörtern eine Wortgenauigkeit von ungefähr 97,5 Prozent. Der Teilnehmer konnte damit in selbstbestimmten Gesprächen ungefähr 32 Wörter pro Minute erreichen.
Wichtig:
Wir reden hier über eine Studie mit einem einzelnen Menschen, nicht über eine allgemeine Fähigkeit heutiger BCIs.
Das allein ist schon ziemlich beeindruckend.
2025 ging eine weitere Arbeit noch einen Schritt weiter.
Statt neuronale Aktivität zunächst ausschließlich in Text umzuwandeln, erzeugte eine sogenannte Brain-to-Voice-Neuroprothese daraus nahezu unmittelbar synthetisierte Sprache.
Der Teilnehmer, ebenfalls ein Mann mit ALS, konnte dabei sogar Eigenschaften wie Intonation und Betonung beeinflussen und kurze Melodien singen.
Die künstliche Stimme wurde zudem an seine Stimme vor der Erkrankung angenähert.
Das ist schon ein ziemlich großer Sprung von:
„Ich bewege mit Gedanken einen Mauszeiger.“
zu:
„Mein Gehirn erzeugt eine Stimme.“
Aber auch hier muss man aufpassen.
Das System liest nicht einfach frei irgendwelche Gedanken aus dem Kopf. Es dekodiert neuronale Aktivität, die im Zusammenhang mit versuchtem Sprechen entsteht.
Und was ist mit echten Gedanken?
Da wird es gleichzeitig faszinierender und gefährlich missverständlich.
2025 untersuchten Forscher bei vier Menschen mit Sprachbeeinträchtigungen durch ALS oder Schlaganfälle sogenannte innere Sprache.
Also Wörter und Sätze, die jemand bewusst im Kopf formuliert, ohne sie tatsächlich auszusprechen.
Die Forscher konnten solche vorgestellten Sätze anhand von Aktivität im motorischen Kortex teilweise in Echtzeit dekodieren. Gleichzeitig beschäftigten sie sich ausdrücklich mit der unangenehmen Frage, ob ein zukünftiges BCI auch innere Sprache erkennen könnte, die der Nutzer gar nicht nach außen geben wollte.
Eine untersuchte Schutzidee war deshalb eine Art mentales Schlüsselwort, mit dem das Dekodieren zunächst bewusst freigeschaltet wird.
Das ist faszinierend.
Aber daraus sollte man bitte nicht machen:
„Forscher können jetzt Gedanken lesen.“
Können sie nicht.
Innere Sprache ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was wir umgangssprachlich als Denken bezeichnen.
Erinnerungen.
Gefühle.
Visuelle Vorstellungen.
Abstrakte Ideen.
Oder dieser vollkommen sinnlose Gedanke um drei Uhr nachts:
„Moment … haben Pinguine eigentlich Knie?“
All das liegt nicht plötzlich offen auf irgendeinem neuronalen Netzlaufwerk herum.
Zum Glück.
Die andere Richtung ist noch viel schwieriger
Bis hierhin reden wir überwiegend über:
Gehirn → Computer.
Meine ursprüngliche Idee braucht aber auch:
Computer → Gehirn.
Und auch dafür gibt es bereits deutlich einfachere Vorläufer.
Bei Menschen mit Rückenmarksverletzungen konnten Forscher Sensorinformationen einer Roboterhand verwenden, um über implantierte Elektroden den somatosensorischen Kortex elektrisch zu stimulieren.
Dadurch entstanden künstliche Tastempfindungen.
In einem bekannten Experiment verbesserte dieses sensorische Feedback sogar die Steuerung eines gehirngesteuerten Roboterarms.
Das ist im Prinzip bereits ein bidirektionales Brain-Computer-Interface:
Das Gehirn steuert etwas.
Und das System gibt sensorische Information zurück.
Aber zwischen
„Ich empfinde künstlich einen Kontakt an einem Finger“
und
„Mein Rechner schreibt mir den Inhalt einer 2.000-Wörter-Mail direkt als Bedeutung ins Bewusstsein“
liegt ungefähr noch der Grand Canyon.
Komplexe semantische Informationen einfach in ein menschliches Gehirn zu schreiben, sodass wir sie anschließend wissen, können wir nicht.
Das ist der Science-Fiction-Teil meines Gedankenspiels.
Und würde unser Gehirn diesen Datenstrom überhaupt verkraften?
Genau diese Frage fand ich anschließend fast spannender als die eigentliche Schnittstelle.
Denn selbst wenn wir irgendwann einen absurden neuronalen Datenkanal bauen könnten, heißt das noch lange nicht, dass unser bewusstes Denken ebenfalls absurd schnell wird.
Eine viel diskutierte Arbeit von Jieyu Zheng und Markus Meister vom Caltech kam auf die provokante Abschätzung, dass hochrangiges menschliches Verhalten beziehungsweise der bewusste verhaltensrelevante Informationsdurchsatz nur ungefähr 10 Bit pro Sekunde beträgt.
Unsere sensorischen Systeme nehmen dagegen Rohinformationen in Größenordnungen von etwa einer Milliarde Bit pro Sekunde auf.
Das klingt zunächst komplett bekloppt.
Aber Vorsicht:
„Das Gehirn läuft mit 10 Bit/s“ wäre die falsche Schlussfolgerung.
Die Zahl beschreibt keinen Benchmark für die gesamte Rechenleistung unseres Gehirns.
Andere Neurowissenschaftler haben diese Interpretation ausdrücklich kritisiert und darauf hingewiesen, dass insbesondere unbewusste sensorische und motorische Prozesse Informationen mit erheblich höheren Raten verarbeiten.
Die rund 10 Bit pro Sekunde sind eher eine interessante These über den Engpass unseres bewussten, zielgerichteten Verhaltens als die Taktrate von Gehirn 1.0.
Für mein Gedankenspiel bleibt trotzdem ein ziemlich wichtiger Punkt:
Mehr Bandbreite bedeutet nicht automatisch mehr Aufmerksamkeit.
Es wäre vermutlich eine ziemlich beschissene Idee, meinem Bewusstsein 500 WhatsApp-Nachrichten gleichzeitig einzuspritzen.
Danke.
Ich bin mit fünf schon ausreichend beschäftigt.
Vielleicht wäre KI deshalb wichtiger als die eigentliche Leitung
Angenommen, ich bekomme eine 2.000 Wörter lange E-Mail.
Ein sinnvolles zukünftiges neuronales System müsste mir wahrscheinlich nicht jedes einzelne Wort mit maximaler Geschwindigkeit ins Gehirn hämmern.
Vielleicht bekomme ich zunächst einfach:
Chef.
Dienstplan.
Montag geändert.
Frühschicht.
Keine Antwort nötig.
Will ich mehr wissen, frage ich nach.
Und genau da könnte eine zukünftige KI viel wichtiger werden als die reine Geschwindigkeit der Verbindung zum Gehirn.
Sie müsste nicht möglichst viele Informationen liefern.
Sie müsste aus riesigen Datenmengen genau die Bedeutung herausfiltern, die ich gerade benötige.
Ich würde also nicht mehr WhatsApp öffnen.
Nicht den Kalender.
Nicht mein Mailprogramm.
Ich frage einfach:
„Was ist heute wichtig?“
Der Computer sammelt Informationen aus den verschiedenen Quellen, ordnet sie ein und liefert mir eine überschaubare Antwort.
Damit wäre letztlich nicht nur die Maus verschwunden.
Auch die klassische App wäre für mich unsichtbar geworden.
WhatsApp, Mail, Kalender, Dateien und andere Dienste könnten technisch weiterhin irgendwo existieren.
Aber ich würde ihre Oberflächen überhaupt nicht mehr sehen.
Der Computer wäre gewissermaßen deskless.
Kein Desktop.
Nur Information, Absicht und Handlung.
Und dann kommt leider Cyberpunk 2077
An diesem Punkt wird das Gedankenspiel nämlich ziemlich unangenehm.
Brain-Computer-Interfaces werfen bereits heute Fragen nach Privatsphäre, Datensicherheit, persönlicher Identität und kognitiver Freiheit auf. Fachleute argumentieren ausdrücklich dafür, solche Probleme nicht irgendwann nachträglich mit einem Datenschutzdialog zuzukleistern, sondern bereits bei der Entwicklung dieser Technologien mitzudenken.
Denn heute bedeutet ein gehackter Computer schlimmstenfalls:
Jemand hat meine Dateien.
In meiner hypothetischen Cyberpunk-Zukunft könnte es bedeuten:
Jemand sitzt an einer technischen Schnittstelle zu meiner Wahrnehmung.
Vielen Dank.
Gehackte Braindance lässt grüßen.
Da möchte ich wirklich keinen Ransomware-Hinweis direkt im visuellen Cortex haben:
„Überweisen Sie 0,3 Bitcoin, um Ihre Farbwahrnehmung wieder freizuschalten.“
Natürlich können heutige BCIs so etwas nicht.
Aber wenn irgendwann wirklich bidirektionale neuronale Systeme mit wesentlich komplexeren Fähigkeiten existieren sollten, müsste Sicherheit ein fundamentaler Bestandteil ihrer Architektur sein.
Welche neuronalen Signale darf das System überhaupt lesen?
Was gilt als bewusster Befehl?
Wie verhindere ich, dass innere Sprache versehentlich als Nachricht verschickt wird?
Welche Informationen dürfen an mein Nervensystem zurückgegeben werden?
Wer besitzt meine neuronalen Daten?
Und ganz wichtig:
Wo ist der verdammte Not-Aus?
Trotzdem lässt mich die Idee nicht mehr ganz los
Nicht weil ich morgen einen Chip im Kopf haben möchte.
Und auch nicht, weil ich glaube, dass wir in fünf Jahren telepathisch LibreOffice bedienen.
Sondern weil darin eine völlig andere Vorstellung von Computing steckt.
Wir versuchen seit Jahrzehnten, Computeroberflächen besser zu machen.
Fenster werden hübscher.
Touchscreens größer.
Sprachassistenten intelligenter.
Vielleicht besteht einer der wirklich großen Schritte irgendwann aber darin, die Oberfläche komplett verschwinden zu lassen.
Besonders für Menschen, denen unsere heutigen Ein- und Ausgabemethoden aufgrund von Lähmungen oder Sinnesbeeinträchtigungen nur eingeschränkt helfen können, wäre das weit mehr als das nächste coole Gadget.
Es könnte Kommunikation, Selbstständigkeit und Teilhabe bedeuten.
Und genau deshalb finde ich das Thema plötzlich so verdammt faszinierend.
Dabei wollte ich eigentlich nur XFCE transparent machen.
Linux-Rabbit-Hole erfolgreich verlassen.
Neuronales Rabbit-Hole gefunden.
Verdammt. 😅
Und ja: Pinguine haben Knie
Ach ja.
Falls euch seit dem Abschnitt über innere Sprache eine viel wichtigere wissenschaftliche Frage beschäftigt:
Ja. Pinguine haben Knie.
Die sitzen nur deutlich weiter oben, als man beim Blick auf einen Pinguin vermuten würde, und sind weitgehend vom Körper und Gefieder verdeckt.
Das Gelenk weiter unten, das gern wie ein merkwürdig nach hinten gebogenes Knie aussieht, gehört zum Fuß- beziehungsweise Sprunggelenkbereich.
Wenigstens ein Problem konnte dieser Artikel also abschließend lösen.
Für den Rest brauchen wir vermutlich noch ein paar Jahrzehnte Forschung.
Quellen und weiterführende Literatur
-
Nicholas S. Card et al.: An Accurate and Rapidly Calibrating Speech Neuroprosthesis
Studie im New England Journal of Medicine aus dem Jahr 2024. Sprach-BCI mit 256 intracorticalen Elektroden bei einem Menschen mit ALS; berichtet werden bis zu rund 97,5 Prozent Wortgenauigkeit und etwa 32 Wörter pro Minute. -
Maitreyee Wairagkar et al.: An instantaneous voice-synthesis neuroprosthesis
Nature-Studie aus dem Jahr 2025 zu direkter synthetischer Sprache aus intracorticaler Aktivität, inklusive Intonation, Betonung und kurzen Melodien. -
Erin M. Kunz et al.: Inner speech in motor cortex and implications for speech neuroprostheses
Untersuchung innerer Sprache bei vier Teilnehmern und möglicher Schutzmechanismen gegen unbeabsichtigtes Dekodieren. -
Sharlene N. Flesher et al.: A brain-computer interface that evokes tactile sensations improves robotic arm control
Science-Studie aus dem Jahr 2021 zu einem bidirektionalen BCI mit künstlichem Tastsinn. Sensoren einer Roboterhand wurden mit Stimulation im somatosensorischen Kortex gekoppelt. -
Jieyu Zheng & Markus Meister: The Unbearable Slowness of Being: Why do we live at 10 bits/s?
Viel diskutierte Arbeit zur Abschätzung von ungefähr 10 Bit pro Sekunde für hochrangiges menschliches Verhalten beziehungsweise bewussten verhaltensrelevanten Informationsdurchsatz. -
Britton A. Sauerbrei & J. Andrew Pruszynski: The brain works at more than 10 bits per second
Gegenposition in Nature Neuroscience, die betont, dass unbewusste sensorische und motorische Verarbeitung deutlich über der 10-Bit-Abschätzung liegt. -
Reality check for brain–machine interfaces
Artikel in Nature Reviews Bioengineering über technische Grenzen und ethische Fragen rund um Privatsphäre, Datensicherheit, Identität, kognitive Freiheit, Verantwortung und Haftung. -
Penguins International: Do Penguins Have Knees?
Die wissenschaftlich natürlich entscheidende Quelle dieses Artikels: Ja, Pinguine haben Knie. Sie sind nur größtenteils vom Körper und Gefieder verdeckt. 🐧