Eigentlich wollte ich nur eine ziemlich harmlose Frage beantworten.

Was war eigentlich zuerst da? Manga? Comics? Manhwa? Zeichentrickfilme?

Das klang nach fünf Minuten Google.

Vielleicht zehn.

Ein bisschen Wikipedia, zwei Jahreszahlen, fertig.

Nun ja.

Einige Stunden später saß ich geistig im Japan des 12. Jahrhunderts, beobachtete anthropomorphe Frösche beim Ringkampf und musste akzeptieren, dass meine ursprüngliche Frage ungefähr so präzise war wie:

„Was wurde eigentlich zuerst erfunden: Brot oder Abendessen?“

Fantastisch.

Willkommen bei Gedankenbrei.


Fangen wir ganz vorne an. Also wirklich ganz vorne.

Menschen erzählen Geschichten mit Bildern, seit Menschen offenbar festgestellt haben, dass Texte anstrengend sind.

Was ich persönlich vollkommen nachvollziehen kann.

Höhlenmalereien, Reliefs, Wandbilder, Bildrollen – die Idee, mehrere Bilder hintereinanderzustellen und dadurch eine Handlung zu erzählen, ist Jahrtausende älter als unser heutiger Begriff des Comics.

Damit könnte man die Diskussion eigentlich sofort beenden.

Tut man natürlich nicht.

Denn dann hätten wir keinen Blogartikel.

Interessanter wird es im Japan des 12. Jahrhunderts. Dort entstanden unter anderem die berühmten Chōjū-jinbutsu-giga, die „Bildrollen der herumtollenden Tiere und Menschen“. Darauf benehmen sich Frösche, Kaninchen und Affen wie Menschen, kämpfen miteinander, feiern und treiben allerlei Unsinn.

Das Tokyo National Museum datiert Teile dieser Rollen ins 12. Jahrhundert. Sie werden bis heute regelmäßig als sehr frühe Vorläufer dessen bezeichnet, was später Manga werden sollte.

Wichtig ist allerdings das Wort Vorläufer.

Ein Weekly Shōnen Jump des Jahres 1170 war das natürlich nicht.

Trotzdem finde ich die Vorstellung wunderschön.

Irgendwo vor rund 850 Jahren saß also jemand herum und zeichnete einen Frosch, der sich mit einem Kaninchen prügelt.

Und irgendwo 850 Jahre später sitze ich auf meinem Sofa und lese Manga.

Fortschritt ist manchmal erstaunlich geradlinig.


Hokusai erfand Manga. Also. Irgendwie. Aber auch nicht.

Dann kommt ein Name, den wahrscheinlich fast jeder schon einmal gehört hat:

Katsushika Hokusai.

Ja, genau der mit der großen Welle.

Ab 1814 veröffentlichte er seine berühmten Hokusai Manga. Und spätestens an dieser Stelle könnte man triumphierend verkünden:

Aha! Manga gibt es seit 1814! Fall erledigt!

Leider nein.

Geschichte hasst einfache Antworten.

Hokusais Manga waren hauptsächlich Sammlungen von Skizzen: Menschen, Tiere, Bewegungen, Alltagsszenen, Landschaften und allerlei Beobachtungen. Es waren keine Manga im heutigen Sinn mit fortlaufender Panelhandlung.

Das British Museum weist genau darauf hin: Hokusai machte das Wort „manga“ berühmt, verwendete es aber anders, als wir es heute verstehen.

Noch davor gab es im Japan des späten 18. Jahrhunderts die sogenannten Kibyōshi: populäre, reich illustrierte Bücher voller Humor, Satire, Text und Bildern, teilweise ausdrücklich für Erwachsene.

Mit anderen Worten:

Japan hatte schon lange eine ziemlich lebendige Kultur des visuellen Geschichtenerzählens, bevor irgendwo jemand Dragon Ball Band 1 auf einen Ladentisch legen konnte.


Und was machten währenddessen die Europäer?

Auch Unsinn zeichnen.

Natürlich.

Im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelten sich Karikatur, Bildergeschichten und satirische Drucke ebenfalls weiter.

Eine entscheidende Figur ist der Schweizer Rodolphe Töpffer. In den 1830er-Jahren veröffentlichte er Geschichten, bei denen aufeinanderfolgende Bilder und Texte gemeinsam eine längere Handlung bildeten.

Seine Histoire de Mr. Jabot erschien beispielsweise in den 1830er-Jahren und wird in der Comicgeschichtsschreibung häufig als einer der entscheidenden Schritte zum modernen Comic betrachtet. Die Library of Congress setzt die frühen Wurzeln moderner Comic-Kunst unter anderem bei Hogarth und Töpffer an.

Und hier wird die Frage „Ist Manga älter als Comic?“ endgültig kaputt.

Denn:

  • Japan besitzt jahrhundertealte Manga-Vorläufer.
  • Europa besitzt jahrhundertealte Comic-Vorläufer.
  • Hokusai verwendete das Wort Manga schon 1814.
  • Töpffer entwickelte wenige Jahrzehnte später etwas, das strukturell viel näher am heutigen Comic liegt.
  • Der moderne Manga wiederum entstand erst später.

Also nein:

Manga ist nicht einfach „der ältere Comic“.

Und Comic ist genauso wenig „das Original, das Japan anschließend kopiert hat“.

So funktioniert Kulturgeschichte meistens nicht.

Sie ist eher ein riesiges Git-Repository, in dem seit Jahrhunderten jeder irgendwo forkt.


Dann machte Japan die Türen auf – und plötzlich wurde fleißig geklaut

Entschuldigung.

Kulturell gegenseitig beeinflusst.

Das klingt wissenschaftlicher.

Nach der Öffnung Japans im 19. Jahrhundert kamen verstärkt westliche Zeitungen, Karikaturen und Drucktechniken ins Land.

Ab 1862 veröffentlichte der britische Künstler Charles Wirgman in Yokohama das Satiremagazin Japan Punch. Das beeinflusste wiederum japanische Zeichner und Publikationen erheblich.

Umgekehrt war der Westen längst vollkommen fasziniert von japanischer Kunst.

Das war also keine Einbahnstraße.

Besonders wichtig wurde schließlich Kitazawa Rakuten. Er zeichnete ab 1902 für Jiji Shinpō und orientierte sich dabei unter anderem an amerikanischen Sonntagscomics.

Das British Museum beschreibt ziemlich deutlich, was danach passierte:

Der Manga, wie wir ihn heute erkennen würden, entwickelte sich in den 1920er-Jahren aus einer Mischung japanischer Bildtraditionen und internationaler Zeitungscartoons.

Und genau das finde ich eigentlich viel schöner als die Vorstellung eines einzelnen genialen Erfinders.

Manga entstand nicht plötzlich an einem Dienstag um 14:37 Uhr.

Er wuchs.


Und dann kam Osamu Tezuka und drückte den Turbo-Knopf

Nach dem Zweiten Weltkrieg passiert schließlich etwas, ohne das unser heutiges Otakuland wahrscheinlich ziemlich anders aussehen würde.

Osamu Tezuka.

1947 veröffentlichte der damals erst 19-Jährige zusammen mit Sakai Shichima New Treasure Island.

Das Ding verkaufte ungefähr 400.000 Exemplare.

1947.

Von einem weitgehend unbekannten jungen Zeichner.

Ich wäre mit 19 schon stolz gewesen, wenn 400.000 Menschen meine Telefonnummer nicht blockiert hätten.

Tezuka setzte stark auf filmische Techniken: Perspektivwechsel, Close-ups, Bewegungsfolgen und ein viel stärkeres Gefühl dafür, dass eine Seite nicht nur eine Sammlung von Bildern ist, sondern einen Rhythmus besitzt.

Damit wurde er zu einer der entscheidenden Personen des sogenannten Story Manga der Nachkriegszeit.

Aber selbst Tezuka arbeitete nicht im luftleeren Raum.

Er liebte Filme.

Er kannte westliche Animation.

Disney beeinflusste ihn.

Japanische Manga-Traditionen beeinflussten ihn.

Das Kino beeinflusste ihn.

Und dann beeinflusste er wiederum praktisch Generationen von Mangaka.

Kulturhistorisch gesprochen:

Circle of Life. Nur mit mehr Tusche.


Manga wurde plötzlich nicht mehr nur Kinderkram

In den 1950er- und 60er-Jahren geschah dann etwas Entscheidendes.

Manga wurde zur Massenindustrie.

1959 erschienen mit Weekly Shōnen Magazine und Weekly Shōnen Sunday zwei der ersten großen wöchentlichen Manga-Magazine für Jungen.

Später folgte 1968 Weekly Shōnen Jump.

Gleichzeitig alterten die Leser mit ihren Geschichten.

Es entstanden Werke für Jugendliche, Studenten und Erwachsene. Gekiga brachte realistischere und härtere Stoffe. Shōjo-Manga entwickelte eine immer ausgeprägtere eigene Bildsprache. Später kamen Seinen- und Josei-Märkte hinzu.

Und deshalb sollte man etwas Wichtiges nicht verwechseln:

Shōnen, Shōjo, Seinen und Josei sind ursprünglich vor allem Zielgruppen- und Publikationskategorien, keine Genres.

Ein Shōnen muss also nicht zwangsläufig aus 900 Episoden bestehen, in denen zwei Männer erklären, warum ihr nächster Faustschlag stärker ist als der vorherige.

Auch wenn empirisch manchmal dieser Eindruck entstehen könnte.

Die entscheidende Entwicklung war jedenfalls: In Japan hörten die Menschen nicht mit 14 auf, Manga zu lesen.

Die Magazine wuchsen mit ihren Lesern.

Dadurch konnte Manga Geschichten über praktisch alles erzählen:

Sport, Politik, Wirtschaft, Krieg, Romance, Medizin, Kochen, Philosophie, Roboter, lesbische Liebesgeschichten, Typen, die nach einem Verkehrsunfall als Verkaufsautomat wiedergeboren werden …

Japan hat irgendwann einfach aufgehört zu fragen, ob eine Idee bescheuert genug für eine Geschichte ist.

Und dafür sollten wir dankbar sein.


Aber wann fing das Zeug eigentlich an, sich zu bewegen?

Damit wären wir beim Anime.

Oder zunächst einmal beim Zeichentrickfilm.

Und hier ist die Antwort deutlich einfacher:

Gezeichnete Comics und Bildergeschichten sind älter als der Animationsfilm.

Was hauptsächlich daran liegt, dass man für einen Animationsfilm zunächst einmal den Film erfinden musste.

Kleine technische Hürde.

J. Stuart Blacktons Humorous Phases of Funny Faces von 1906 gehört zu den frühesten erhaltenen amerikanischen Animationsfilmen, bei denen einzelne Zeichnungen durch Einzelbildaufnahmen Bewegung vortäuschen.

Japan begann ungefähr 1917 mit kommerzieller Animation.

Einer der ältesten heute noch erhaltenen japanischen Animationsfilme ist Jun’ichi Kōuchis etwa vier Minuten langer Namakura GatanaThe Dull Sword von 1917.

Darin kauft ein Samurai ein miserables Schwert und versucht anschließend erfolglos, es an Passanten auszuprobieren.

Also auch hier:

Anime wurde offenbar mit Slapstick geboren.

Sehr beruhigend.


Der erste Anime war aber noch nicht „Anime“

Die frühen japanischen Filme wurden damals häufig als manga eiga, also sinngemäß „Manga-Filme“, bezeichnet.

Das, was wir heute international unter Anime verstehen, entstand erst über Jahrzehnte.

1945 erschien mit Momotaro: Sacred Sailors der erste japanische Animationsfilm in wirklicher Spielfilmlänge – allerdings als Kriegspropaganda.

1956 gründete Toei seine große Animationsabteilung.

1958 folgte HakujadenThe Tale of the White Serpent, Japans erster abendfüllender Farb-Animationsfilm.

Das war der Versuch, eine japanische Antwort auf die großen Disney-Produktionen aufzubauen.

Und dann kam wieder dieser Tezuka.

Der Mann taucht in dieser Geschichte wirklich verdächtig oft auf.


1963: Astro Boy und der Moment, in dem Anime zum System wurde

Am 1. Januar 1963 startete im japanischen Fernsehen Tetsuwan AtomuAstro Boy.

Eine halbstündige wöchentliche Fernsehserie.

Und das war ein Problem.

Denn Animation kostet Geld.

Sehr viel Geld.

Tezukas Studio hatte davon ungefähr so viel wie ich nach einem spontanen Manga-Großeinkauf.

Also wurde gespart.

Weniger Zeichnungen.

Mehr Standbilder.

Wiederverwendung von Animationen.

Kamerafahrten über statische Bilder.

Bewegte Münder statt komplett animierter Figuren.

Soundeffekte und dramatische Schnitte, um Bewegung zu suggerieren.

Das klingt zunächst nach:

Wir hatten kein Geld.

Es entwickelte sich daraus aber eine Bildsprache, die Anime bis heute prägt.

Und noch etwas war entscheidend.

Astro Boy war Manga.

Dann Fernsehserie.

Dann gab es Figuren.

Spielzeug.

Süßigkeiten.

Lizenzen.

Merchandise.

Plötzlich war eine Geschichte nicht mehr nur eine Geschichte.

Sie war ein Universum aus Produkten und Medien.

Willkommen beim Media Mix.

Oder, wie wir heute sagen:

„Warum kostet diese 17 Zentimeter große Plastikfigur 189 Euro und warum steht sie trotzdem in meinem Warenkorb?“


Und damit entstand langsam das, was wir heute Otaku-Kultur nennen

Manga und Anime wurden nicht deshalb so groß, weil Japan nur besonders viele Comics druckte.

Es entstand ein komplettes Ökosystem.

  • Manga-Magazin.
  • Sammelband.
  • Anime.
  • Film.
  • Soundtrack.
  • Figuren.
  • Spiele.
  • Fanart.
  • Dōjinshi.
  • Conventions.
  • Cosplay.
  • Und natürlich Diskussionen darüber, warum die Anime-Adaption Kapitel 47 vollkommen ruiniert hat.

Letzteres dürfte vermutlich UNESCO-Weltkulturerbe sein.

Ein wichtiger Meilenstein war der Comic Market, besser bekannt als Comiket.

Der erste fand am 21. Dezember 1975 statt.

32 Dōjinshi-Zirkel.

Rund 700 Besucher.

Nicht gerade Gamescom.

Aber daraus entwickelte sich eines der wichtigsten Fan- und Selbstpublikationsereignisse der Welt.

Bereits Ende der 1970er tauchten dort immer mehr Menschen in Kostümen ihrer Lieblingsfiguren auf.

Cosplay selbst hat Vorläufer in amerikanischen Science-Fiction-Conventions, aber Japan entwickelte daraus seine eigene Fankultur. Der Begriff Cosplay wurde schließlich in den 1980ern geprägt und später wieder in alle Welt exportiert.

Auch schön.

Amerika schickt Kostümfans nach Japan.

Japan macht Cosplay daraus.

Der Westen importiert Cosplay aus Japan.

Globalisierung kann herrlich bescheuert sein.


Und was ist jetzt mit Manhwa?

Jetzt wird es besonders spannend.

Denn koreanische Comics werden im Westen heute meistens Manhwa genannt.

Das koreanische 만화 geht wie das japanische 漫画 auf dieselben chinesischen Schriftzeichen zurück.

Japanisch:

Manga.

Koreanisch:

Manhwa.

Chinesisch:

Manhua.

Im jeweiligen Heimatland können diese Wörter schlicht „Comic“ bedeuten. Erst international benutzen wir sie überwiegend als Herkunftsbezeichnung.

Die moderne koreanische Comicgeschichte wird meistens auf 1909 zurückgeführt.

Am 2. Juni 1909 erschien in der Zeitung Daehan Minbo eine politische Karikatur von Lee Do-yeong, die von koreanischen Kulturinstitutionen als Ausgangspunkt der modernen koreanischen Comicgeschichte eingeordnet wird.

Und Manhwa war von Anfang an politisch.

Das ist leider nicht romantisch.

Aber historisch wichtig.

Korea befand sich unter massivem japanischen Einfluss und wurde 1910 von Japan annektiert. Politische Comics wurden zensiert und unterdrückt.

Nach Kolonialzeit, Teilung und Koreakrieg entwickelte sich trotzdem eine eigene Comicindustrie weiter.

Ab den 1960er-Jahren spielten Manhwabang eine große Rolle – Comic-Leihläden, in denen Leser gegen wenig Geld Unmengen Manhwa verschlingen konnten.

Quasi Netflix. Nur mit Papier.

Und ohne das Problem, 35 Minuten durch ein Menü zu scrollen und anschließend doch wieder dieselbe Serie anzuschauen.


Und dann erfand Korea etwas, das perfekt zum Smartphone passte

Ende der 1990er und Anfang der 2000er kamen koreanische Comics zunehmend ins Internet.

Und jetzt passiert etwas, das ich faszinierend finde:

Korea versuchte nicht einfach, eine Manga-Seite digital auf einen Bildschirm zu quetschen.

Man änderte das Format selbst.

2003 startete Daum ein großes Webtoon-Angebot.

2004 folgte Naver.

Statt Seiten umzublättern:

Scrollen.

Von oben nach unten.

Lange Zwischenräume können Timing erzeugen.

Ein Bild erscheint erst, wenn man weiterscrollt.

Farben kosten digital nicht plötzlich vier Druckplatten mehr.

Und als Smartphones groß wurden, stellte sich heraus:

Das funktioniert auf einem Telefon absurd gut.

Damit hatte Korea aus der Comictradition etwas Eigenes entwickelt.

Den Webtoon.

Und plötzlich verlief die kulturelle Einflussrichtung wieder andersherum.

Japan hatte jahrzehntelang den ostasiatischen Comicmarkt geprägt.

Nun übernahmen japanische, europäische und amerikanische Plattformen Elemente koreanischer Webtoons.

Heute werden Webtoons wiederum zu Anime, Serien, Filmen, Spielen und Romanen adaptiert.

Der Kreis schließt sich.

Oder eskaliert.

Je nachdem.


Also wer hat Manga, Anime und Comics jetzt erfunden?

Niemand.

Und sehr viele.

Das ist vermutlich die unbefriedigendste und gleichzeitig ehrlichste Antwort.

Japan hatte schon vor Jahrhunderten Bildrollen, populäre Illustrationen und satirische Bücher.

Europa entwickelte Karikatur, Bildergeschichten und im 19. Jahrhundert moderne sequentielle Comics.

Japan übernahm westliche Zeitungscartoons und Druckformen.

Japan kombinierte sie mit eigenen Erzähl- und Bildtraditionen.

Tezuka nahm Manga, Kino und westliche Animation und machte daraus etwas Neues.

Anime übernahm Techniken aus Europa und Amerika und entwickelte unter völlig anderen Produktionsbedingungen eine eigene Sprache.

Korea übernahm Einflüsse aus internationalen und japanischen Comics, schuf daraus seine eigene Manhwa-Tradition und erfand später mit dem Webtoon eine digitale Form, die wiederum Japan und den Westen beeinflusst.

Das Interessante ist nicht, wer angefangen hat.

Das Interessante ist, dass seit Jahrhunderten jeder beim Nachbarn durchs Fenster schaut und anschließend sagt:

„Das ist cool. Das klaue ich. Aber ich mache es anders.“

Und genau dadurch entsteht Kultur.


Und irgendwann eroberte der ganze Unsinn die Welt

Japanische Anime liefen schon früh außerhalb Japans.

Astro Boy, Speed Racer oder später Grendizer erreichten internationale Fernsehprogramme. Besonders Frankreich, Italien und andere Teile Europas entwickelten schon in den 1970er- und 80er-Jahren große Anime-Fangemeinden.

Ab den 1980ern wurden Manga zunehmend übersetzt.

In den 1990ern kamen unter anderem Dragon Ball, Sailor Moon, Pokémon und viele weitere Serien dazu.

Dann kamen DVDs.

Fansubs.

Internetforen.

BitTorrent.

YouTube.

Streaming.

Crunchyroll.

Netflix.

Simulcasts.

Und plötzlich musste niemand mehr zwei Jahre darauf hoffen, dass irgendein deutscher Fernsehsender vielleicht zufällig Staffel 2 einkauft.

Die heutige Größenordnung ist ziemlich absurd:

Die Association of Japanese Animations beziffert den breiten Anime-Markt für 2024 auf rund 3,84 Billionen Yen.

Davon entfielen rund 2,17 Billionen Yen auf das Ausland – deutlich mehr als auf den japanischen Heimatmarkt selbst.

Anime ist also längst kein merkwürdiges japanisches Nischenhobby mehr.

Die Nische hat inzwischen offenbar die Wand eingerissen, das Nachbarhaus gekauft und einen Merch-Shop eröffnet.


Und meine ursprüngliche Frage?

Ach ja.

Die lautete:

Was war eigentlich zuerst da?

Nach mehreren Jahrhunderten Kulturgeschichte können wir sie ungefähr so beantworten:

  • Bildergeschichten: uralt.
  • Japanische Manga-Vorläufer: mindestens 12. Jahrhundert.
  • Hokusais „Manga“: 1814.
  • Moderne europäische Comics: wichtige Formen ab den 1830ern.
  • Moderner japanischer Manga: entwickelt sich vor allem vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1920er und explodiert nach 1945.
  • Animation: ab Anfang des 20. Jahrhunderts.
  • Japanische Animation: ab etwa 1917.
  • Modernes koreanisches Manhwa: ab 1909.
  • TV-Anime als Industrie: ab den 1960ern.
  • Comiket und Otaku-Fankultur: massiv ab den 1970ern und 80ern.
  • Webtoon: Anfang der 2000er.

Und im Jahr 2026 sitze ich auf einem faltbaren Smartphone und scrolle koreanische Romance-Comics, schaue japanische Anime auf einem amerikanischen Streamingdienst und kaufe deutsche Manga-Ausgaben von Geschichten, deren kulturelle Ahnen irgendwann bei satirischen Bildrollen und prügelnden Fröschen anfangen.

Technologisch gesehen:

Beeindruckend.

Kulturhistorisch:

Faszinierend.

Für meinen Geldbeutel:

Eine katastrophale Entwicklung.

Aber immerhin weiß ich jetzt, wer angefangen hat.

Ein Frosch.

Vermutlich.


Quellen und Weiterlesen