Mein Computer würde auch funktionieren, wenn ich das Standard-Wallpaper benutzen würde.

Firefox würde starten.

Meine Dateien wären noch da.

Codex würde meinen Code vermutlich genauso erfolgreich kaputt… äh… verbessern.

Und technisch betrachtet hätte ich keinerlei Nachteil, wenn mein Desktop einfach so aussehen würde, wie ihn irgendein Entwickler nach der Installation für mich vorgesehen hat.

Also stellt sich zwangsläufig eine Frage:

Warum zum Teufel verbringen Menschen Stunden damit, ihren Desktop umzubauen?

Oder Tage.

Oder Wochen.

Oder – rein hypothetisch natürlich – man fängt mit einem Wallpaper an und hat irgendwann einen eigenen Bootscreen, Greeter, Window Manager, Shell, eine Geschichte, einen Comic und eine Website dazu.

Keine Ahnung, wer sowas machen würde.


Für manche ist ein Desktop einfach ein Desktop

Ich glaube, Computerbenutzer lassen sich dabei gar nicht sauber in zwei Gruppen wie „Customizer“ und „Normalos“ einteilen.

Es gibt eher ein ziemlich breites Spektrum.

Da ist zunächst der Mensch, der seinen Rechner einschaltet und einfach benutzt.

Wallpaper?

War schon eins da.

Panel?

Funktioniert.

Icons?

Kann man anklicken.

Warum sollte man daran irgendetwas ändern?

Und wisst ihr was?

Völlig legitime Einstellung.

Ein Computer ist schließlich in erster Linie ein Werkzeug. Niemand verlangt von einem Akkuschrauber, dass er die eigene Persönlichkeit widerspiegelt.

Dann gibt es Leute, die ein bisschen umräumen.

Dark Mode.

Eigenes Wallpaper.

Vielleicht ein anderes Icon-Theme.

Die Pflanze steht jetzt am Fenster, das Sofa wurde verschoben – fertig.

Dann kommen die Workflow-Bastler.

Shortcuts.

Workspaces.

Tiling.

Andere Panels.

Programme genau dort, wo man sie braucht.

Hier geht es teilweise gar nicht mehr um Schönheit. Der Desktop soll sich der eigenen Arbeitsweise unterordnen.

Und irgendwo danach beginnt eine gefährliche Zone.

Ricing.

Jetzt müssen plötzlich Terminal, Dateimanager, Fensterrahmen, Wallpaper, Musikplayer und Systemmonitor dieselbe Farbsprache sprechen.

Eine Linie ist drei Pixel zu dick?

Unbenutzbar.

Der Pinkton hat zwei Prozent zu viel Rot?

Das Wochenende ist gelaufen.

Und ganz hinten sitzt dann jemand und denkt:

„Warum passe ich eigentlich den vorhandenen Desktop an? Ich könnte mir auch einfach meinen eigenen zusammenbauen.“

Hallo. 👋


Das Interessante: Menschen machen das schon ziemlich lange

Desktop-Personalisierung ist keineswegs irgendeine neue Linux-Nerd-Krankheit.

Bereits 2003 untersuchten Jan Blom und Andrew Monk, warum Menschen ihre PCs und Mobiltelefone optisch personalisieren. Dabei kamen nicht einfach nur praktische Gründe heraus. Ihre Theorie unterscheidet unter anderem kognitive, soziale und emotionale Auswirkungen der Personalisierung und berücksichtigt, dass sowohl der jeweilige Mensch als auch das System und die Situation beeinflussen, ob überhaupt angepasst wird.

Anders gesagt:

Menschen verändern Dinge nicht alle aus demselben Grund.

Der eine will effizienter arbeiten.

Der andere will Kontrolle.

Der nächste möchte, dass sich ein Gerät stärker nach seinem Gerät anfühlt.

Wenn wir Farben, Menüs, Funktionen und Verhalten verändern, verändern wir nicht einfach nur eine Oberfläche. Wir entscheiden darüber, wie wir mit ihr umgehen – und teilweise auch darüber, was sie über uns ausdrückt.

Das erklärt wahrscheinlich, warum ich auf einem frisch installierten System relativ schnell anfange, Dinge anzufassen.

Nicht unbedingt, weil sie schlecht sind.

Sondern weil sie noch nicht meine sind.


Aber manche Menschen wollen genau das Gegenteil

Und hier wird es interessant.

GNOME verfolgt beispielsweise ganz bewusst eine Designphilosophie, bei der Software Menschen möglichst wenig Arbeit machen soll. Die offiziellen Human Interface Guidelines betonen klare Abläufe, sinnvolle Standards, gute Erreichbarkeit häufiger Aktionen und möglichst wenig unnötige Komplexität.

Das ist kein Mangel an Freiheit.

Das ist eine andere Vorstellung davon, was gute Software sein soll.

Der eine sagt:

„Gib mir alle Schalter. Ich entscheide.“

Der andere sagt:

„Entscheide vernünftige Defaults und lass mich endlich arbeiten.“

Beide können recht haben.

Selbst die Forschung zum sogenannten Choice Overload ist differenzierter als das beliebte „zu viele Optionen machen unglücklich“. Meta-Analysen fanden keinen simplen allgemeinen Effekt, sondern zeigen eher: Es kommt auf die Situation an. Komplexität, Unsicherheit, Entscheidungsaufwand und persönliche Ziele spielen eine Rolle.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich in einem Window Manager wie labwc inzwischen so wohlfühle, während jemand anderes nach fünf Minuten schreiend zu KDE oder GNOME zurückläuft.

Ich sehe einen leeren Raum und denke:

„Geil. Was machen wir daraus?“

Der andere sieht denselben Raum und denkt:

„Warum zur Hölle fehlen hier die Möbel?“

Beides nachvollziehbar.


Und dann kam Lesbian Stable

Mein eigenes Paradebeispiel für vollkommen unnötige Desktop-Eskalation ist wahrscheinlich Lesbian Stable.

Das fing ursprünglich ziemlich harmlos als Designstudie an.

Ein Desktop.

Ein bestimmtes Farbschema.

Zwei Figuren.

Kann man mal machen.

Dann brauchte der Bootvorgang natürlich eine eigene visuelle Geschichte.

Dann einen passenden Greeter.

Dann bekam das Ganze eine kleine Lore.

Dann einen Comic.

Deutsch und Englisch natürlich.

Und irgendwann saß ich vor einer eigenen Website, damit all dieser Unsinn wenigstens so aussieht, als wäre er von Anfang an geplant gewesen.

Keinen einzigen dieser Schritte habe ich gebraucht.

Debian wäre ohne all das exakt genauso gestartet.

labwc hätte Fenster verwaltet.

Noctalia hätte seine Leisten angezeigt.

Kein Benchmark wäre schneller geworden, weil zwei Frauen sich auf meinem Wallpaper ineinander verlieben.

Und trotzdem würde ich Lesbian Stable heute nicht als Zeitverschwendung betrachten.

Warum?

Weil Gestalten selbst der Zweck war.


Vielleicht mögen wir Selbstgebautes gerade deshalb

Hier passt ein psychologischer Effekt erstaunlich gut hinein.

Der sogenannte IKEA-Effekt beschreibt, dass Menschen Dingen, an deren Herstellung sie selbst beteiligt waren, häufig einen höheren Wert beimessen. In den ursprünglichen Experimenten bauten Versuchspersonen unter anderem IKEA-Produkte, Origami und Lego. Erfolgreich selbst hergestellte Dinge wurden anschließend höher bewertet. Interessanterweise verschwand der Effekt, wenn die Aufgabe nicht erfolgreich abgeschlossen wurde.

Das bedeutet natürlich nicht:

„Mein labwc-Rice ist wissenschaftlich erwiesen besser als dein KDE.“

Leider.

Es erklärt aber vielleicht ein bisschen, warum ein selbstgebauter Desktop sich anders anfühlen kann als ein perfekt gestalteter fertiger.

Ich kenne jede Ecke.

Ich weiß, warum dieses Panel dort sitzt.

Warum dieses Fenster genau in diese Zone springt.

Warum diese Farbe gewählt wurde.

Und ich weiß leider ebenfalls sehr genau, welche drei Stunden meines Lebens für irgendeinen vollkommen belanglosen Abstand zwischen zwei Elementen geopfert wurden.

Das Ding hat Geschichte.


Digitales kann offenbar ebenfalls Teil von uns werden

Der Konsumforscher Russell Belk hat sein Konzept des „Extended Self“ später ausdrücklich auf die digitale Welt erweitert. Vereinfacht gesagt beschäftigt sich die Idee damit, dass Besitz, digitale Objekte und digitale Selbstdarstellung in unsere Wahrnehmung des eigenen Selbst hineinreichen können. Digitalisierung hat diese Möglichkeiten nicht beseitigt, sondern erweitert.

Ich würde daraus nicht den esoterischen Schluss ziehen, dass mein Wallpaper meine Seele offenbart.

Manchmal ist ein Catgirl einfach ein Catgirl.

Aber ich glaube schon, dass digitale Räume persönlicher werden können.

Wir verbringen schließlich Stunden darin.

Jeden Tag.

Die Unixporn-Community beschreibt ihren eigenen Antrieb ziemlich passend: Die Desktopoberfläche sei eines der meistgenutzten Werkzeuge im Alltag, deshalb seien Anpassungen an persönlichen Workflow und Stil relevant.

Und wenn ich darüber nachdenke, ist es eigentlich seltsam:

Im echten Leben finden wir Personalisierung vollkommen normal.

Wir hängen Bilder an die Wand.

Stellen Möbel um.

Kaufen Pflanzen.

Streichen Zimmer.

Niemand kommt zu Besuch und fragt:

„Aber brauchst du dieses Bild wirklich, damit dein Wohnzimmer funktioniert?“

Natürlich nicht.

Es hängt da, weil ich es gerne sehe.

Warum verlangen wir von digitalen Räumen plötzlich eine bessere Rechtfertigung?


Trotzdem muss niemand seinen Desktop „erfinden“

Das möchte ich ausdrücklich festhalten.

Ein unveränderter Standarddesktop ist nicht weniger persönlich, weil jemand keine 73 Dotfiles besitzt.

Vielleicht sagt er über seinen Benutzer sogar etwas ziemlich Eindeutiges:

„Ich habe Besseres zu tun.“

Fair.

Und Anpassbarkeit hat reale Kosten.

Zeit.

Wartung.

Fehler.

Irgendwann aktualisiert sich irgendeine Komponente und plötzlich befindet sich das Panel dort, wo vorher der Papierkorb gewohnt hat.

Aktuelle HCI-Forschung beschreibt genau diesen Zielkonflikt: Nutzergetriebene Personalisierung kann Kontrolle, Effizienz und Handlungsfähigkeit fördern, wird aber oft gar nicht genutzt, weil Menschen ihre Bedürfnisse nicht genau kennen oder Aufwand und Nutzen gegeneinander abwägen müssen.

Das macht die Sache für mich eigentlich noch interessanter.

Personalisierung ist kein Ziel.

Sie ist ein Werkzeug.

Oder Hobby.

Oder Ausdrucksform.

Oder alles gleichzeitig.


Werkzeug, Wohnzimmer oder Werkstatt?

Vielleicht ist das am Ende die eigentliche Frage.

Was ist ein Desktop für dich?

Ein Werkzeug?

Dann willst du wahrscheinlich, dass er funktioniert und aus dem Weg geht.

Ein Wohnzimmer?

Dann möchtest du vielleicht ein bisschen Farbe, ein schönes Wallpaper und Dinge dort, wo du sie gerne hast.

Eine Werkstatt?

Dann wird geschraubt, ausprobiert und umgebaut.

Und manche Menschen reißen irgendwann die Werkstatt ab, bauen ein pinkes Cyberpunk-Haus darauf und nennen es Lesbian Stable.

Kann passieren.

Braucht man das?

Nein.

Aber vielleicht ist „brauchen“ manchmal einfach die falsche Frage.

Ich brauche auch keine Musik, damit mein Wohnzimmer technisch funktioniert.

Keine Bilder.

Keine Pflanzen.

Keinen Blog.

Und ziemlich sicher keinen selbstgebauten Window-Manager-Workflow.

Trotzdem machen genau solche Dinge einen Raum irgendwann zu meinem Raum.

Vielleicht gilt für einen Desktop dasselbe.

Der eine benutzt ihn.

Der andere gestaltet ihn.

Der nächste baut ihn um.

Und manche erfinden ihn einfach neu.

Nicht weil sie müssen.

Sondern weil sie können.

Und vielleicht reicht das manchmal als Grund vollkommen aus.

Ich jedenfalls muss jetzt Schluss machen.

Irgendwo ist bestimmt noch ein drei Pixel breiter Rand, der mich persönlich beleidigt.


Quellen und weiterführende Informationen