Openbox hat mich ehrlich gesagt lange ungefähr so sehr interessiert wie die Bedienungsanleitung meines Kühlschranks.

Ich wusste, dass es existiert.

Ich wusste ungefähr, was es macht.

Und irgendwo in meinem Kopf lag es in derselben Schublade wie alte ThinkPads, graue GTK-Themes und Screenshots aus Linux-Foren von 2008.

Alt. Schlank. Funktioniert bestimmt. Aber muss ich jetzt nicht unbedingt haben.

Tja.

Dann kam @tojacket.

Der hatte vor einiger Zeit Archcraft vorgestellt und war davon ziemlich begeistert. Archcraft hatte ich selbst irgendwann schon einmal kurz angeschaut, aber offenbar ungefähr mit der Aufmerksamkeit eines Goldfisches.

Denn diesmal wurde ich neugierig.

Also landete die Live-ISO auf meinem Ventoy-Stick.

Nur mal schauen.

Ihr kennt das. Dieser vollkommen ungefährliche Satz, mit dem unter Linux erstaunlich viele schlechte Entscheidungen anfangen.

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Und dann hat es plötzlich gefunkt

Archcraft gestartet.

Openbox benutzt.

Ein bisschen herumgeklickt.

Fenster verschoben.

Menüs geöffnet.

Und irgendwann dachte ich:

Moment mal. Das fühlt sich verdammt gut an.

Nach KDE und KWin wirkte Openbox plötzlich fast schon befreiend.

Nicht besser.

Nicht moderner.

Nicht mächtiger.

Einfach leicht.

Fenster machen Fensterdinge.

Der Window Manager verwaltet sie.

Der Rest hält sich erstmal aus meinem Leben heraus.

Und genau das hatte plötzlich seinen Reiz.

Ich hatte Openbox lange als etwas Altbackenes abgespeichert und dabei vollkommen übersehen, dass diese Schlichtheit nicht unbedingt eine Einschränkung sein muss.

Sie kann auch eine Einladung sein.

Eine ziemlich gefährliche Einladung, wenn man Kiru heißt.


Kubuntu deshalb wegwerfen?

Natürlich nicht.

So verliebt war ich dann auch wieder nicht.

Mein Kubuntu läuft mittlerweile seit Monaten, hat Hyprland, Noctalia, eigene Builds, Docker, VMs, diverse Experimente und vermutlich mehrere Dinge überlebt, von denen Canonical lieber nichts wissen möchte.

Warum sollte ich eine funktionierende Installation wegwerfen, nur weil mir plötzlich Openbox gefällt?

Das wäre ungefähr so, als würde ich mein Haus verkaufen, weil ich bei jemand anderem einen hübschen Küchentisch gesehen habe.

Also musste eine andere Lösung her.

Und dann fiel mein Blick auf labwc.


Openbox-Idee, aber auf Wayland

Labwc beschreibt sich selbst als leichtgewichtigen, wlroots-basierten Window-Stacking-Compositor für Wayland, der stark von Openbox inspiriert ist.

Genau das war plötzlich interessant.

Openbox-Gefühl.

Aber Wayland.

Sehr wenig Meinung darüber, wie mein Desktop auszusehen hat.

Sehr wenig Zeug, das mir im Weg steht.

Labwc konzentriert sich im Wesentlichen darauf, Fenster sauber zu verwalten und Fensterdekorationen darzustellen. Panels, Wallpaper, Screenshots und andere Desktopbestandteile sollen bewusst von anderen Programmen übernommen werden.

Mit anderen Worten:

Hier ist dein Fenstermanager. Den Rest darfst du selbst bauen.

Oh nein.

Genau mein Beuteschema.


Und natürlich war Noctalia sowieso schon da

Wer meinen Desktop in letzter Zeit gesehen hat, dürfte inzwischen mitbekommen haben, dass ich ein kleiner Noctalia-Fanboy geworden bin.

Hyprland hat mich lange begleitet und Noctalia war davon sowieso noch auf meinem System vorhanden.

Und genau hier passen die beiden für mich erstaunlich gut zusammen.

Labwc möchte keine komplette Desktopumgebung sein.

Noctalia möchte ebenfalls kein Window Manager sein.

Noctalia kümmert sich um die Shell-Schicht: Leisten, Launcher, Benachrichtigungen, OSD, Dock, Wallpaper, Lockscreen, Widgets und den ganzen Komfortkram, den man auf einem Desktop eben irgendwann doch haben möchte.

Labwc gehört mittlerweile zu den offiziell unterstützten Compositors von Noctalia.

Das ergibt eine ziemlich klare Arbeitsteilung:

  • labwc: Fenster.
  • Noctalia: Desktop.
  • Kiru: unnötige Ideen.

Perfekt.


Ubuntu hatte allerdings andere Pläne

Kubuntu 26.04 liefert labwc 0.9.3-1 aus. Das ist vollkommen legitim für eine LTS-Distribution und auch kein Kritikpunkt – Ubuntu soll schließlich nicht jeden Dienstag den halben Desktop austauschen.

Nur wollte ich für mein Experiment einen deutlich aktuelleren Stand benutzen.

Also wurde gebaut.

Die neueren labwc-Versionen basieren inzwischen auf wlroots 0.20 und haben gegenüber der älteren 0.9er-Linie einiges an Entwicklung mitgenommen. Die 0.9er-Reihe wird vom Projekt inzwischen im Wesentlichen als Bugfix-Zweig behandelt.

Also Compiler an.

Kaffee daneben.

Und irgendwann lief mein eigener aktueller labwc-Build auf Kubuntu.

Damit war der schwierige Teil natürlich erledigt.

Haha.

Nein.

Damit fing der eigentliche Unsinn erst an.


Willkommen im Rohbau

Es gibt bei Linux dieses wunderbare Phänomen.

Man sieht irgendwo einen Screenshot.

Alles sieht fantastisch aus.

Perfekte Farben.

Schöne Leisten.

Transparente Fenster.

Wallpaper passt zum Theme.

Terminal sieht aus, als würde man damit gleich irgendeinen Megakonzern aus Night City hacken.

Dann installiert man denselben Window Manager.

Und steht plötzlich gefühlt in einem Neubau:

Betonboden.

Keine Tapete.

Eine Glühbirne hängt an einem Kabel von der Decke.

Irgendwo liegt ein Sack Putz.

„So. Viel Spaß.“

Genau so fühlte sich mein erster labwc-Start an.

Aber eigentlich war genau das der Moment, in dem es interessant wurde.

Denn statt mich zu fragen:

„Wie bekomme ich labwc dazu, wie Desktop X auszusehen?“

konnte ich anfangen zu fragen:

„Wie möchte ich eigentlich, dass mein Desktop funktioniert?“

Also begann die Renovierung.


Erstmal ein bisschen Farbe an die Wand

Noctalia bekam mein Theme.

Labwc bekam passende Fensterrahmen.

Transparenz dazu.

Cyberpunk-Wallpaper.

Leisten.

Audio-Visualizer.

Launcher.

Widgets.

Menüs.

Selbst das interne labwc-Menü musste irgendwann dran glauben.

Wenn ich schon renoviere, lasse ich schließlich nicht mitten im Wohnzimmer eine graue Tür aus dem Jahr 2004 stehen.

Und Stück für Stück hörte das Ganze auf, wie ein zusammengestecktes WM-Setup auszusehen.

Es begann sich wie mein Desktop anzufühlen.

Aber eine Sache fehlte.


Ein Desktop ohne Tiling ist für mich nur ein halber Desktop

Bevor jetzt jemand mit Fackel und Mistgabel vor der Tür steht:

Das ist ausdrücklich meine persönliche Meinung.

Jeder darf seine Fenster so benutzen, wie er möchte.

Wenn jemand Spaß daran hat, fünf Fenster per Maus millimetergenau nebeneinander zu schieben – bitte.

Ich verurteile niemanden.

Ich beobachte nur still.

Sehr still.

Aber für meinen Workflow gehört Tiling inzwischen einfach dazu.

Niri war mein erster richtiger Tiling-WM.

Danach kam Hyprland.

Irgendwann baute ich mir sogar für KWin ein eigenes Scrolling-Tiling-Script.

Man könnte also sagen:

Das Problem sitzt vor dem Bildschirm.

Nur wollte ich labwc trotzdem nicht in einen klassischen Tiling-WM verwandeln.

Denn genau das Floating-Verhalten gefällt mir daran.

Und da entstand die Idee, die inzwischen wahrscheinlich der wichtigste Teil meines Setups geworden ist.


Floating, bis ich Tiling brauche

Mein Ansatz lautet:

Floating ist Standard.

Fenster dürfen herumliegen.

Sie dürfen sich überlappen.

Ich darf sie irgendwo hinschieben.

Ganz normaler klassischer Desktop.

Aber wenn ich arbeite und mehrere Fenster ordentlich nebeneinander brauche, möchte ich nicht anfangen, sie per Hand zurechtzuschieben.

Also entstand HyFlair Zonen.

Ein eigenes Zonen- beziehungsweise Layer-Tiling-System für meinen labwc-Desktop.

Ich kann mir verschiedene Layouts definieren.

Zum Beispiel:

  • zwei große Spalten
  • drei Spalten
  • großes Hauptfenster mit kleineren Nebenfenstern
  • Bereiche oben und unten
  • asymmetrische Arbeitslayouts

Und wenn ich Tiling brauche, ordne ich meine Fenster diesen Bereichen zu.

Brauche ich es nicht mehr?

Dann ist labwc wieder einfach labwc.

Keine Tiling-Religion.

Keine Layoutpflicht.

Kein Window Manager, der sofort nervös wird, sobald irgendwo ein Fenster frei herumliegt.

Nur ein zusätzliches Werkzeug.

Und genau diese Mischung gefällt mir gerade unglaublich gut.


Vielleicht habe ich endlich verstanden, was ich eigentlich suche

Seit ich Anfang dieses Jahres mit Linux angefangen habe, habe ich wirklich viele Desktopumgebungen und Window Manager ausprobiert.

KDE.

GNOME.

Xfce.

Cinnamon.

LXQt.

Deepin.

COSMIC.

Budgie.

Kylin.

Niri.

Sway.

Hyprland.

River.

Qtile.

Wayfire.

Miracle.

Openbox.

Und wahrscheinlich habe ich irgendwo noch einen vergessen.

Fast alle davon hatten irgendetwas, das ich richtig gut fand.

Aber irgendwann merkt man:

Vielleicht suche ich gar nicht den einen Desktop, der alles richtig macht.

Vielleicht möchte ich einfach ein gutes Fundament, auf dem ich selbst entscheiden kann, was richtig ist.

Labwc gibt mir gerade genau dieses Gefühl.

Es ist leicht.

Es ist schnell.

Es schreibt mir erstaunlich wenig vor.

Und wenn mir etwas fehlt, kann ich es ergänzen.

Noctalia übernimmt die komfortable Desktop-Schicht.

HyFlair übernimmt meine spezielle Arbeitsweise.

Und darunter sitzt weiterhin Kubuntu und tut das, was Kubuntu seit Monaten erstaunlich zuverlässig tut:

einfach funktionieren.


Ich glaube, ich bin eingezogen

Das Verrückteste an der ganzen Geschichte ist eigentlich nicht, dass das Setup funktioniert.

Es ist, dass ich mich nach gerade einmal kurzer Zeit dabei erwischt habe, beim Login automatisch labwc auszuwählen.

Nicht KDE.

Nicht Hyprland.

Labwc.

Das Experiment ist zur Gewohnheit geworden.

Aus dem Rohbau wurde langsam eine Wohnung.

Die Wände sind gestrichen.

Die Möbel stehen.

Ein paar Kabel liegen noch herum.

Irgendwo müsste wahrscheinlich noch eine Fußleiste angebracht werden.

Aber ich bin eingezogen.

Und verdammt, ich fühle mich gerade ziemlich wohl.

Ob das langfristig mein Desktop bleibt?

Keine Ahnung.

Wir reden hier schließlich über mich.

Es wäre unseriös, länger als zwei Wochen in die Zukunft zu planen.

Aber momentan fühlt es sich erstaunlich danach an.

Und selbst wenn irgendwann wieder etwas anderes kommt, hat mir dieses kleine Experiment zumindest eine Sache gezeigt:

Openbox war vielleicht nie altbacken.

Ich hatte nur nie verstanden, was an dieser Art Window Manager eigentlich so reizvoll ist.

Jetzt verstehe ich es.

Und labwc?

Labwc wollte vermutlich einfach nur Fenster verwalten.

Ich hatte andere Pläne.


Quellen & Weiterlesen